Das Leben eines großen Spenders

Eva Loth

Die Kegelbahn in Reetz ist nicht nur Anziehungspunkt für die aktiven Kegler. Auch andere melden sich mit Freunden oder Arbeitskollegen zu einem gemütlichen Kegelabend bei der Sportgemeinschaft Reetz an. Dass es die Kegelbahn überhaupt gibt, haben die Einwohner dem ehemaligen Gastwirt Emil Wilke zu verdanken. „Ich möchte, dass die Sportfreunde regelmäßig kommen können, ohne bezahlen zu müssen“ erklärte er Tochter Editha (Fischer).  Aus diesem Grund stellte Emil Wilke 1967 das Grundstück in der Belziger Straße zur Verfügung. Die Kegelbahn selbst wurde in Eigenleistung erbaut. Die Männer arbeiteten an den Wochenenden in der Ziegelei, um die notwendigen Steine zu bekommen. Die Oberförsterei stellte das Holz zur Verfügung, welches natürlich selbst geschlagen werden musste. Viele fleißige Helfer trugen dazu bei, dass am 7. Oktober 1969 die Bahn eingeweiht werden konnte.

Wer aber war der großzügige Spender?

Emil Wilke wurde am 22.12.1900 in Schlamau geboren. Er war das älteste von 6 Kindern des Leinewebers Gustav Wilke. Die Mutter verstarb früh und so musste der Vater die 6 Kinder allein groß ziehen. Emil Wilke als Ältester fühlte sich immer mit verpflichtet, für seine Geschwister zu sorgen. Heute erinnert sich Editha Fischer aus Wiesenburg an viele Erlebnisse aus dem Leben ihres Vaters. Es war eine schwere Zeit, in der Emil Wilke aufwuchs und arbeitete. Lehrstellen und Arbeit gab es nicht in der Umgebung. Also lief er jeden Tag zu Fuß bis nach Lüsse für einen Job. Später erhielt er dann in einer Potsdamer Elektrofirma einen Ausbildungsplatz. Jedoch wollte er gern wieder nach Wiesenburg zurück, denn inzwischen hatte er eine Freundin. Außerdem brauchte man in Wiesenburg jemanden, der sich mit Elektrosachen auskannte. In dem jahrelangen Elektrogeschäft in der Herrmann-Boßdorf-Straße war früher die Schneiderei der Schwiegermutter, die dort junge Mädchen ausbildete. Diese wurde zu Hitlers Zeiten geschlossen und so konnte mit Krediten ein Ladengeschäft ausgebaut und das Haus aufgestockt werden. Inzwischen hatte Emil Wilke auch seine Freundin Frieda geheiratet. Um in Wiesenburg arbeiten zu können, war Emil Wilke gezwungen, in die NSDAP einzutreten, obwohl er mit den Machthabern nichts am Hut hatte. In einem Nebenfenster legte er Schalter und andres aus, so dass die Leute es sehen konnten, wenn sie vorbei gingen. „Kiek mal, wat bei Emil Wilke ins Fenster liegt, wenn man dran dreht, dann hat man Licht“ – hieß es bei den Leuten, denn elektrischer Strom war auf dem Land noch keine Selbstverständlichkeit.

emil-wilkerechtsmit-sohn-guenter-der-6-wochen-vor-kriegsende-fielNach Kriegsende 1945 hatten die Menschen andere Sorgen als Lichtschalter und Co. Vor allem brauchten alle Fahrräder, um sich fortbewegen zu können. Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel gab es nicht. Also begann Emil Wilke, Fahrräder zu reparieren. Anfangs in der Stellmacherwerkstatt von Gemeindevorsteher Wilhelm Schmeckebier, dann wurde zusätzlich ein Schuppen gebaut. Er stelle einen Feinmechaniker für die Räder ein und konnte sich so weiter um seinen Laden kümmern. Aber auch für das Dorf setzte er sich ein, was ihn sehr beliebt machte. Zum ersten Parkfest wurden dringend Glühbirnen gebraucht. Willi Schubert, der damalige Bürgermeister, wandte sich an Emil Wilke. „Was soll das Parkfest, wenn es dunkel ist“, sagte er und bat ihn, Glühbirnen aus Westberlin zu organisieren. „Und wenn sie dich erwischen und einsperren, dann holen wir dich raus“, meinte er. Dieses Mal ging         noch alles gut, was jedoch nicht so bleiben sollte.

Die Ersatzteile für die Fahrräder waren knapp, es gab schlicht keine – außer in Westberlin. Aber das Gesetz sah harte Strafen für diejenigen vor, die bei der sogenannten „Schieberei“ erwischt wurden. 5 Jahre Zuchthaus und Einzug des gesamten Vermögens! Viele Male ging es gut und Emil Wilke kam mit Ersatzteilen zurück nach Wiesenburg. Auch die Familie fuhr öfter nach Westberlin. Aber schließlich erwischte es ihn. Bei einer Kontrolle in Wannsee wurde ihm alles abgenommen, was außerdem bedeutete, dass ja auch das Geld weg war. Zum nächsten Einkauf fuhr der Lehrling, der auch erwischt wurde und bei der Vernehmung obendrein Emil Wilkes Namen preisgab. Dieser wurde nun als „Schieber“ betitelt, obwohl er mit seinen Aktionen eigentlich nur helfen wollte. Es kam zur Gerichtsverhandlung. Dafür, dass er den Lehrling geschickt hatte, bekam er nochmal 1 ½ Jahre auf das übliche Strafmaß hinaus, wurde also zu 6 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Die inzwischen geründete Stasi machte eine Hausdurchsuchung, konnte aber nichts Verwertbares finden und das Haus selbst war Gott sei Dank Eigentum von Ehefrau Frieda. Erst viel später erfuhr die Familie, dass sie auch weiter von der Staatssicherheit beobachtet wurde, noch dazu von Familienmitgliedern. So musste Emil Wilke seine Haftstrafe antreten. Aber die Wiesenburger hielten zu ihm und gaben oft Lebensmittel für die Pakete, welche die Familie schickte. Editha Fischer wollte aber ihren Vater einfach mal sehen. So fuhr sie aufs Geratewohl zum Zuchthaus nach Brandenburg, einen Besuchsschein hatte sie nicht. Inzwischen war Emil Wilkes an Krebs erkrankte Ehefrau verstorben, man hatte ihn nicht einmal zu Beerdigung gelassen. Aber er ließ sich auch im Zuchthaus nicht unterkriegen und suchte sich Beschäftigung, in dem er Reparaturen durchführte. Das hatte ihm einen Namen verschafft, so dass man Tochter Editha zu ihm vorließ. Er machte ihr Mut, dass schon alles gut werden würde. Nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 wurde Emil Wilke entlassen.in-jungen-jahern

Nun musste Emil Wilke wieder von vorn anfangen – er reparierte weiter Fahrräder. Ein Fahrradgroßhändler aus Loburg kam täglich für Bestellungen und gab auch Kredit auf den Einkauf. Gerne hätte er auch Lehrlinge ausgebildet, da er aber keinen Meistertitel hatte, durfte er es nicht. Also wurde ein Meister eingestellt. Inzwischen meldete sich ein junger Mann, der Radios reparieren wollte und bekam auf dem Boden eine kleine Werkstatt zugewiesen. Auch Emil Wilke interessierte sich dafür und konnte nach kurzer Zeit auch schon selbst Geräte reparieren. Ein Röhrenprüfgerät wurde angeschafft und der Stall für die Radioreparaturen ausgebaut. Im Vorderhaus lief das Ladengeschäft weiter. Dort betätigte sich inzwischen auch Tochter Editha mit ihrem Mann. Aber die Belieferung war schlecht, das Beste ging an HO und Konsum und nicht an die kleine private Firma. So kaufte Editha Fischer oft in den Städten Lampen und ähnliches ein, um sie im Laden anbieten zu können. Beim Verkauf einer Rotlichtlampe schlug sie 1 Mark auf den Preis drauf, für die Fahrkosten, dachte sie sich. Und wurde prompt vom Käufer angezeigt. Das hätte sie nicht gedurft und musste 500 Mark Strafe zahlen. Damals ein Vermögen! Man gestattete ihr, Raten von monatlich 50 Mark zu zahlen.

Emil Wilke zog sich langsam aus dem Geschäft zurück, er heiratete erneut, die Feier fand damals im Saal der heutigen Reetzer Gaststätte „Bauernstüble“ statt. Dort gefiel es ihm und als der Vorgänger aufgab, übernahm er die Gaststätte. Er liebte die Reetzer, deswegen machte er ihnen kurz vor seinem Tod 1967 ein großes Geschenk – das Grundstück für die heutige Kegelbahn.

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